Gibt es Alternativen zur Solmisation?

Wenn es um das Vom-Blatt-Singen geht, würde ich sagen: nein.
Schaue ich mir die erste Seite google Ergebnisse zu "vom blatt singen lernen" an, so sehe ich bei allen, die Hinweise auf die Methode geben nur Solmisation. Natürlich gibt es Seiten, die statt der Tonsilben Zahlen (die Stufen der Tonleiter) verwenden. Also 3 statt mi. Das ist aber vom Prinzip her auch Solmisation.
In eine Buch zum Thema ist von der "Tonsprossenmethode" die Rede. Blick ins Inhaltsverzeichnis: Solmisation. Es ist von Sprosse 3, Sprosse 5 usw. die Rede.
Bei anderen Ergebnissen geht es um Kurse zum Thema und es steht nichts näheres über die Methode dabei.
Das "Intervallsingen"* kann ich nur für atonale Musik empfehlen und es ist für Laien kaum zu lernen. Für tonale Musik kommt eigentlich nur die Solmisation in Frage. Das Prinzip ist über 1000 Jahre alt, bewährt und ich bin etwas verwundert, dass immer noch jemand meint, eine eigene Methode erfinden zu müssen, die eigentlich nur die Tonsilben durch andere Bezeichnungen ersetzt. Sei's drum. Wahrscheinlich Marketing.

Ich habe in den vergangenen Jahren immer mal wieder Musiklehrer-Kollegen gefragt „Wie macht Ihr denn das?“

Da gibt es zwei andere Verfahren, die aber eigentlich nur mit Musikinstrument funktionieren, welches man leider praktisch auf professionellem Niveau beherrschen sollte. Das erste möchte ich „instrumentale Tonvorstellung“ nennen.

  1. Zwei Kollegen sagte annähernd das gleiche: Ich fange einfach mit dem ersten Ton an, die Finger wissen dann schon, wie es weitergeht. Das erlebe ich selbst auch auf der Gitarre. Ich höre innerlich den nächsten Ton ganz ohne Solmisation vor und weiß intuitiv, wo er zu greifen ist. Das klappt aber nur, wenn der Ton nicht allzuweit weg ist. So oder ähnlich erleben das alle Musiker, die sehr viel spielen oder viel improvisieren. Man spielt auf dem Instrument, was man sich innerlich vorstellt. Vorteil: Das geht schneller als Solmisation. Erklärt, warum Instrumentalisten i.d.R. nicht solmisieren bzw. noch nie was von Solmisation gehört haben.
    Das ist kein Verfahren, das man bewusst übt, sondern es ergibt sich aus jahrelangem intensiven Instrumentalspiel. Ganz analog zum Spracherwerb. Man spielt jahrelang und weiß irgendwann intuitiv, wo welcher Ton auf dem Instrument ist.
     
  2. Jazzer lernen während ihres Studiums, Melodietöne auf den aktuellen Akkord zu beziehen. Sie hören also, ist das Terz, Quinte, Sept, None im aktuellen Akkord. Nicht bezogen auf die Tonart des gesamten Stückes, wie in der Solmisation. Das macht auch Sinn, da im Jazz das tonale Zentrum ständig wechselt. Bei ständig wechselnden tonalen Zentren kommt die Solmisation an ihre Grenzen.
    Jazzer brauche nicht zu solmisieren. Wer sich nach Gehör in einer Musik zurechtfindet, in der das tonale Zentrum ständig wechselt, für den ist tonale Musik, in der das tonale Zentrum sich praktisch nicht ändert ... Ponyhof, Kinderspielplatz.
    Die Jazzer denken in Stufen (Terz, Quinte, None bzw. 3, 5, 9 usw.)

Gibt es Alternativen? Die Antwort lautet "Ja", wenn man ein Instrument auf hohem professionellem Niveau spielt.

Für Sänger und Sängerinnen ist mir (k)eine Alternative* bekannt.

Sie sehen: In jedem Fall ist Vom-Blatt-Singen etwas, was man lernen kann, aber nicht nach einer Erklärung. Den Satz des Pythagoras muss man verstehen, nicht tausendfach üben. Beim Vom-Blatt-Singen ist es umgekehrt.


* Intervallsingen:
Eine Quart hoch, dann eine gr. Terz abwärts, gr. Sekunde abwärts, gr. Sexte aufwärts ... usw.
Setzt voraus, dass man in Echtzeit Intervalle aus dem Notenbild bestimmen und dann auch singen kann.
Für atonale Musik des 20. Jhd in der es kein tonales Zentrum gibt sicher der einzige Weg.
Für tonale Musik zu umständlich, da ist die Solmisation die erste Wahl.
Schwer zu lernen. Für professionelle Sänger, die auf atonale Musik treffen.