Bonus für "Notenleser"

Diese Bonusseite ist nur für Sie interessant, wenn Sie ein Instrument spielen und somit etwas die Notenschrift beherrschen.

Es geht um Unterschiede zwischen der Notation für Instrumente und Solmisation. 

In den vergangenen neun Lektionen ist eines sicherlich klar geworden: Die Tonsilben haben zwar eine feste Reihenfolge (do re mi ...), aber keine feste Position (jede Note kann do sein).
Die Lage der Reihe wird durch Tonartvorzeichnung und Notenschlüssel bestimmt.
Die Bedeutung und exakte Tonhöhe einer Note wird erst durch die Tonsilbe festgelegt, sie kann um einen Halbtonschritt nach oben oder unten von der Note abweichen. Davon kriegen wir als Sänger gar nichts mit, denn das erledigen die Tonsilben für uns.
Eben weil die Bedeutung und exakte Tonhöhe in den Tonsilben kodiert ist, brauchen wir uns keine Gedanken mehr um die Kreuze oder Bes der Tonartvorzeichnung zu machen.

Das folgende Notenbeispiel zeigt dies. In der ersten Zeile stehen dreimal exakt die gleichen Noten. Es wird auf der gleichen Note gestartet, mal mit la, mal mit ti, dann mit do. Man hört drei unterschiedliche Tonfolgen ... (das liegt an der Lage des Halbtonschrittes HTS)
Diese Form der Notation mit Tonsilben reicht zum Solmisieren völlig aus.

Die absolute Tonhöhe wird also erst beim Singen mit den Tonsilben "eingestellt". Man sagt, die Notation ist "relativ". Die tatsächliche absolute Tonhöhe ergibt sich erst beim Solmisieren.

In der Zeile darunter steht, was man auf einem Instrument spielen muss, um den gleichen Klang zu erhalten. In Takt zwei muss ein Ton erniedrigt, in Takt drei einer erhöht werden. Dadurch ändert sich die Lage des Halbtonschrittes (HTS) und damit der Klang der Tonfolge.
Jetzt klingt es auch auf dem Instrument wie in der "Solmisationszeile".

Ursrpünglich erfand Guido von Arezzo im 11. Jhd. die Notation mit Linien und Notenköpfen zum Singen.
Unsere Stimme kann leider keine absoluten Tonhöhen singen. Aber wir können relative Figuren singen, wie z.B. ein "so mi". Und damit ist für uns eine relative Notation zum Singen sehr nützlich.
Die Noten hatten daher zunächst eine relative Bedeutung.

Die Instrumentalnotation dagegen muss anders funktionieren. Ab dem 16. Jhd. begannen französische Musiker, die Notation auf Instrumente zu übertragen. 
Instrumente spielen absolute Tonhöhen, also muss man diese notieren. Die Note steht dann für eine ganz bestimmte Tonhöhe, das nennt man "absolute" Notation. Die Vorzeichen übernehmen dabei die Aufgabe, die Tonhöhe von relativ auf absolut zu pitchen. Dazu reicht ein Halbtonschritt nach oben (#) oder unten (b). Und die Tonhöhe muss korrigiert werden*, wie man in der zweiten Zeile sieht, sonst klingt es verkehrt.
Die Übertragung auf Musikinstrumente erfordert daher die Vorzeichen Keuz und Be. Das Vorzeichen b war schon länger zum Erniedrigen des Tones B bekannt und wurde daher auch zum Erniedrigen anderer Töne herangezogen. Das Vorzeichen # entstand erst ab dem 16. Jhd.

* Das klingt vielleicht etwas komisch, aber da nach den Noten tatsächlich zunächst etwa 500 Jahre lange gesungen wurde:
Die Vorzeichen dienten dazu, das Instrumentalspiel zum Gesang hin zu korrigieren. Erst im 17 Jhd. wurde dafür das # erfunden. Das b war schon länger bekannt.

Das "absolute" kommt auch darin zum Ausdruck, dass in der unteren Zeile die Töne in jedem Takt gleich heißen. Startton ist immer das "d", dann kommen immer e und f oder "Variationen" davon: Es in Takt 2 und Fis in Takt drei. In der Solmisation hingegen starten wir mit la, ti oder do. Und auch die anderen Töne wechseln die Namen.

Nochmal: Die Solmsiation ist relativ, die Instrumentalnotation absolut.

Wenn Sie ein Instrument spielen, oder in der Mittelstufe Noten lernen mussten, hatten Sie sich doch sicher gefragt: Wer ist denn auf diese beknackte Idee mit Kreuzen und Bes gekommen. Das geht doch bestimmt leicher. Nun wissen Sie es: Die Notation wurde ursprünglich ohne Kreuz und Be zum Singen erfunden und später für Instrumentalnotation zweckentfremdet.

Tatsächlich und gerade deshalb (wegen "beknackt") gab es in der Vergangenheit Versuche, die Instrumentalnotation zu vereinfachen, zu verbessern. Es hat alles nicht geklappt. Und so ist die Gesangsnotation eines einfachen, bescheidenen Benediktinermönchs aus dem 11. Jhd. auch heute noch immer das beste, was wir haben. "Hut ab", sage ich mal.

Aber auch zu Guidos Zeiten gab es mit der Solmisation Probleme (bei Modulationen), die sich nur mit Vorzeichen lösen lassen. Da es sie noch nicht gab, konnten die Probleme nicht gelöst werden und zu Guidos Zeiten konnte noch nicht jede Note "do" sein.

Erst im 16./17. Jhd fing man an, tatsächlich in allen Tonarten zu musizieren. Ermöglicht u.a. durch entsprechende Musikinstrumente (Orgel, Cembalo) und Stimmungen (wohltemperierte St.).
Dies befeuerte die Weiterentwicklung der Notation und löste damit auch die Probleme, die schon Guido erkannt hatte. Ohne Vorzeichen geht es auch in der Solmisation irgendwann nicht mehr. Das werden wir im Kurs über Alterationen sehen.