Lektion 5: Die Tonartvorzeichnung

So weit, so gut. Es gibt eine feste Reihenfolge von Tonsilben, der Start kann bei jeder Note sein. Das ist ja nicht so schwer.

Was jetzt kommt, macht zumindest den Instrumentalisten das Leben so richtig schwer. Also richtig.

In den bisherigen Lektionen war der Anfang der Notenzeilen mit Notenschlüsseln und Tonartvorzeichnung mit Kreuzen und Bes ausgeblendet. Aus gutem Grund, denn die schlechte Nachricht lautet: Vorzeichen sehen kompliziert aus und schrecken erstmal ab. Für Instrumentalisten bedeuten sie oft den Unterschied zwischen "kinderleicht" und "schwerst" spielbar. 

Die gute Nachricht: Diese Zeichen brauchen wir als Sänger nur, um die Lage der Tonsilben(reihe) zu bestimmen, ansonsten beachten wir sie nicht weiter.
Wie die "Lagebestimmung" funktioniert, sehen wir in den nächsten Lektionen ... und damit verlassen wir die Grundlagen und kommen zum eigentlichen Kern dieses Kurses.

Wie sieht die Tonarvorzeichnung aus? Hier je zwei Beispiele für Vorzeichen mit Kreuzen (#) und Bes (b):

Diese sog. "Tonartvorzeichnung" steht direkt am Anfang der Notenzeile hinter dem Notenschlüssel. Sie gilt normalerweise "global" für die gesamte Dauer eines Musikstückes. Oder so lange, bis eine neue Tonartvorzeichnung kommt. Das wäre dann ein Tonartwechsel (Modulation).
In der Abbildung oben hat jede Zeile eine neue Tonartvorzeichnung.

Was die T.vorzeichnung bedeutet, lässt sich gut am Klavier erklären.
Sie müssen das Folgende nicht wissen oder lernen um nach Noten singen zu lernen. Es sind  Hintergrundinformationen; Sternchenwissen.
Wenn es Sie nicht interessiert, springen Sie gleich zur nächsten Lektion.

Das Klavier hat 7 weiße und 5 schwarze Tasten. (Wie bei den Noten und Tonsilben setzen sich diese nach unten und oben in gleicher Weise fort).

In einer Tonart gibt es sieben unterschiedliche Töne. Sie folgen in fünf Ganz- und zwei Halbtonschritten aufeinander. Die Lage der Halbtonschritte ist charakteristisch für die Tonart (z.B. Dur oder Moll) und bestimmt außerdem die Lage des Grundtones für die Tonart.

Wenn die Vorzeichen komplett fehlen, so heißt das am Klavier: Nur weiße Tasten verwenden. Am Klavier können Sie die Lage der Halbtonschritte bei den weißen Tasten sehen: Zwischen 3-4 und 7-1, dort fehlen die schwarzen Tasten. (7-1? Nach der 7 wiederholt sich das Ganze: 5 6 7-1 2 3 ...).*

Die Anzahl der Vorzeichen gibt an, wieviele weiße Tasten durch schwarze ersetzt werden müssen. Die Lage des einzelnen Zeichens bestimmt die betroffene Note, und damit die Taste am Klavier.
Da sich Tonreihen nach oben und unten in gleicher Weise fortsetzten, gilt das eine Vorzeichen für alle Tasten. Wird "Weiß 4" verändert, gilt das für alle "Weiß 4" auf der gesamten Tastatur und im Notenbild für alle gleichnamigen Noten. Man sagt: In allen Oktavlagen.

Zwei Kreuze bzw. zwei Bes bedeutet: In dieser Tonart müssen zwei weiße Tasten durch schwarze ersetzt werden. Die Tonart besteht dann aus zwei schwarzen und fünf weißen Tasten.
Fünf Kreuze bzw. fünf Bes bedeutet: fünf schwarz, zwei weiß.
Merke: Zu einer Tonart - Dur oder Moll - gehören sieben Töne.

Was macht diese Änderung der Vorzeichen? Sie verändert die Lage der Halbtonschritte und damit die Lage des Grundtones. Dessen Lage hängt nämlich von den Halbtonschritten ab. 
Und so wird aus C-Dur (0 Vorzeichen) D-Dur (2#) oder Es-Dur (3b).

Der Pianist muss bei Vorzeichen die ganze Zeit denken: "Aus E wird Es" (weiß 3 wird durch schwarz 2 ersetzt). Raten Sie mal, was leichter ist: Viele oder wenige Vorzeichen?

Na klar, für den Pianisten heißt das: Je weniger Vorzeichen, desto einfacher ist ein Stück zu spielen. In den ersten Klavierstunden gibt es praktisch keine Vorzeichen, die SchülerInnen spielen fast nur "weiß"  und es vergehen Jahre, bis Klavierstücke mit 5 Vorzeichen auftauchen. Manche PianistInnen sagen daher nicht "Oh, ein Stück mit 5 Kreuzen. Yipieeeh", sondern "Oh, ein Stück mit 5 Feinden. F...".
Viele MusikschülerInnen kommen gar nicht so weit und brechen irgendwo vor dem fünften Vorzeichen den Unterricht ab.

Richtig seltsam wird es bei sechs Vorzeichen. Das gibt es. Verrückterweise kann man speziell diese Tonart auch noch entweder mit Kreuzen oder mit Bes angeben. Sie heißt dann entweder Fis-Dur oder Ges-Dur.
Sechs Kreuze. Wir haben aber nur fünf schwarze Tasten. Hier wird eine weiße durch eine weiße ersetzt. Da gibt es nur zwei Möglichkeiten (weiß 3-4 oder 7-1). Das ist doch wirklich crazy, oder?

Kriegen Sie jetzt langsam Angst?
Dann kann ich Sie beruhigen. In den nächsten Lektionen werden Sie sehen, dass Vorzeichen uns beim Singen nicht weiter schrecken werden.

Der Vollständigkeit halber

Der Vollständigkeit halber muss ich sagen, dass neben der Tonartvorzeichnung zusätzliche Kreuze, Bes und das "Auflösungszeichen"direkt vor einer Note auftauchen können. Diese "Versetzungszeichen" gelten nur "lokal" im aktuellen Takt und verändern die Note einen Halbtonschritt nach oben (#) oder unten (b). Ist die Note bereits durch die Tonartvorzeichnung betroffen, kommt das Auflösungszeichen zum Einsatz und hebt die Wirkung der Tonarvorzeichnung auf. Diese lokalen und meist kurzfristigen Änderungen in der Tonart nennt man "Alteration" und wird in einer Lektion "Solmisation für Fortgeschrittene" Thema sein.

Alterationen können in einem Stück gar nicht bis häufig auftauchen, das kommt auf den Musikstil an. Blues, Gospel, Jazz, da gibt es ständig Alterationen. Bei Volksliedern, Schlager, Kinderliedern und Weihnachtsliedern sind sie eher selten.

Mit diesem Kurs lernen Sie nur den Umgang mit Musikstücken ohne Alteration.
Alterationen erfordern zusätzliche Tonsilben. Quasi die "schwarzen" Tonsilben. Diese brauchen wir aber überhaupt nicht hier in diesem Kurs zur Bestimmung der Tonsilben im Notenbild.

 

* Betrachten Sie die Oberkante der Klaviaturabbildung mit weißen und schwarzen Tasten: Von einer Taste zur nächsten ist immer ein Halbtonschritt. Man nennt dies "Chromatik".

Betrachten Sie die Unterkante der Klaviaturabbildung mit ausschließlich weißen Tasten: Von einer Taste zur nächsten ist meist ein Ganztonschritt, manchmal ein Halbtonschritt (dort fehlt die schwarze Taste). 
Diese Mischung aus Ganz- und Halbtonschritten nennt man "Diatonik".
Dazu wird es vielleicht einen eigenen Kurs geben: Tonalität