Woche 6 - Tag 3

Und noch ein Blues: The Chicken

Ein Zufallsfund, diese Woche. Wie das Leben so spielt. Kannte ich bis dato auch nicht. Ein Geburtstagswunsch eines Bandkollegen aus der Bigband, in der ich Gitarre spiele. The Chicken von Alfred James Ellis, arr. by Kris Berg. Ihr seht die Dominantkette (Quintenzirkel)?

Zum YouTube-Video "The Chicken"

Nach einem Intro im Schneckentempo fängt ein Blues an. Merkt man schnell, allerdings ... mitten in der Subdominantzeile schlägt das Stück erstmal eine andere Richtung ein.

In The Chicken ist ein weiterer harmonischer Kniff zu sehen. Ein Beispiel für etwas sehr simples, was aber einen komplizierten Namen trägt: Tritonussubstitution.
Das schwierigste Wort, welches man in der Harmonielehre buchstabieren kann.

Hier das Playback zu The Chicken ... Zum YouTube-Video "6.03 Noch ein Blues..."

Was ist eine Tritonussubstitution?

Der Tritonus (3 Ton) ist ein Tonabstand, ein Intervall, extrem dissonant im Klang. Drei Ganztonschritte. Es teilt die Oktave (12 Halbtonschritte) in zwei gleichgroße Hälften (6+6). Woraus wir schließen, dass ein Ganztonschritt aus 2 Halbtonschritten besteht. Tritonus = 2+2+2 = 6. Es ist das einzige Intervall, dass sich in sich selbst umkehrt. Das mein folgendes:

Ton 1<<<Intervall 1>>>Ton X<<<Intervall 2>>>Oktave
zu Ton 1
12 HT
Cis<<<Tritonus, 6 HT>>>G<<<Tritonus, 6 HT>>>Cis', 12 HT
Cis/Des<<<Kleine Terz, 3HT>>>E<<<Große Sexte, 9 HT>>>Cis/Des', 12 HT

In der Oktave Cis-Cis' (bzw. Des-Des') ist G der einzige Ton, der gleichweit von Cis und seiner Oktave Cis' entfernt ist. Der Tritonus links "kehrt sich um" in den Tritonus rechts. Bei allen anderen Tönen wären links und rechts verschieden große Intervalle (die sog. Komplementärintervalle). Bei E in der zweiten Zeile kehrt sich die kleine Terz um in eine große Sexte. 
Umkehrungen sind in der Musik wichtiger als im Straßenverkehr.

Könnt einem ja egal sein. Wenn man aber weiß, dass der Tritonus das charakterstiftende spannungsreiche Intervall des Dominantseptakkordes ist ... erlaubt es folgenden Kniff.

Der (linke) Tritonus Cis-G ist das maßgebliche Intervall in A7. Wollte man A7 mit nur zwei Tönen spielen ... dann Cis-G. A7 wird normal in irgendwas mit Grundton D aufgelöst. In the Chicken kommt D7 in der Subdominantzeile vor. A7 wäre eine super Hinleitung, steht aber nicht davor. Schade schade.

Der (rechte) Tritouns G-Cis ist das maßgebliche Intervall in Eb7. Ein Dominantseptakkord, der wie weit von G7 entfernt ist? Genau, einen Tritonus. Eb7 wird normal in Ab7 aufgelöst. 
Eb7 steht als Subdominante in der Subdominantzeile von The Chicken, leider kommt danach kein Ab7. Schade schade.

Auf Eb7 folgt der falsche Zielakkord, vor D7 steht die falsche Dominante. Wir kriegen also Eb7 und D7 nicht zusammen.
Doch!


Da A7 und Eb7 den gleichen Tritonus beinhalten, der sowieso den Kern beider Dominantseptakkorde darstellt, tauschen wir die beiden Akkorde gegeneinander aus. Substitution. Beide Akkorde liegen einen Tritonus auseinander. Tritonussubstitution.
Eb7 -> D7 ist tatsächlich eine unerwartet schlüssige Akkordverbindung.
Tritonussubstitution bedeutet, dass die eigentlich Dominante A7 ersetzt wird durch eine Dominante, die einen Tritonus entfernt liegt. Weil deren eingebauter Tritonus aus den gleichen Tönen besteht. Klingt kompliziert? Man weiß ja kaum aus dem Kopf die Dominante, aber den Tritonus?

Wie heißt die Dominante zu A-Dur? Zu Cis-Moll?
Da muss man erstmal überlegen, wenn man den Quintenzirkel nicht parat hat.

Bei der Tritonussubstitution ist es viel einfacher. Ein Halbton über dem Zielakkord.
A-Dur? Bb7
Cis-Moll? D7
Das Tritonussubstitut zu finden ist einfacher als die reguläre Dominante. Und einfacher, als Tritonussubstitution zu buchstabieren. Wieviele "s", wieviele "t"? Sehen Sie?

So gesehen beginnt die Dominantkette nicht mit D7, sondern mit Eb7.
So gesehen beginnt die Dominantkette nicht mit Eb7, sondern bereits mit Bb7 in Takt 1. Fällt mir auch jetzt erst auf;-)

So gesehen könnte The Chicken die Mutter aller Dominantketten sein ...

Tritonussubstitutionen reichern zum einen Akkordfolgen mit Harmonien an, die "meilenweit" von der Ausgangtonart entfernt liegen; nämlich auf der gegenüberliegenden Seite des Quintenzrikels. Gleichzeit erlauben sie dem Bass einen chromatischen Basslauf. Wo der Bass doch bei einer 5-1 Verbindung gewaltig springt. Eb7 > D7 statt A7 > D7.

So gesehen ist auch die chromatische Folge Eb7 > D7 > Db7 > C7 eine Dominantkette, quasi das tritonussubstituierte Äquivalent zu A7 > D7 > G7 > C7


Kennt Ihr "At Last"? Wunderschöne Jazz-Ballade, die schon von allen Großen gesungen wurde. Darin folgende Verbindung.

| C | Am | Ab7 | G7 |

Die normale Dominante zu G7 wäre D7. Hier wurde das Tritonussubstitut Ab7 gewählt. Erlaubt im Bass den chromatischen Lauf A-Ab-G