Woche 5 - Tag 1

Ab jetzt gibt es einen Sprung. Diese Woche wird anspruchsvoller. Es hat sich mit den Kadenzen letzte Woche bereits angekündigt.
Lassen Sie sich ab jetzt ruhig mehr Zeit. Zwei oder drei Tage pro Kurstag.
Die Übungen werden länger, dazu Dur und Moll. Auf der Gitarre wird das schon anspruchsvoller.

Wir werden diese Woche viel "Kadenzen" singen. Vorgegebene Melodien.
Nächste Woche heißt es dann: "Eigene Wege durch die Kadenzen finden."

Absolute Notation

Etwa fünf Jahrhunderte lang diente Guidos relative Notation mit Linien und Notenköpfen ausschließlich dem Gesang. Ab dem 16. Jhd etwa wurde diese auch für Musikinstrumente entdeckt und angepasst. Warum angepasst?
Musikinstrumente können nicht relativ musizieren bzw. nur dann, wenn es der Musiker kann. Immerhin spielen wir seit vier Wochen nach relativer Notation.

Musikinstrumente erzeugen absolute Tonhöhen und wir brauchen für die Anpassung zwei Dinge:

  • Einen Notenschlüssel, der uns sagt, welche Bedeutung die Notenköpfe haben
  • Eine Tonartvorzeichnung, welche die diatonische Struktur in absolute Noten "übersetzt"

Beides entstand im Verlauf von mehreren Jahrhunderten. So war das Vorzeichen Be schon zu Guidos Zeiten bekannt, wurde dort aber nicht auf alle Töne angewand, das Vorzeichen Kreuz kam erst Jahrhunderte später auf, als die Notation für Instrumente angepasst wurde.

Erinnern Sie sich? Wenn mehrere Sängerinnen zusammen singen wollen, müssen sie sich "einstimmen". Eine stimmt einen Ton an und alle anderen wissen Bescheid.
Bei Musikinstrumenten muss einer einen Ton vorgeben oder besser noch die Tonart: "Blues in F", Grundton ist ... F. Hier wird immer ein ganz bestimmter absoluter Ton genannt.

In der relativen Notation hatten wir auch einen Schlüssel. Irgendeine Note bekam irgendeine Tonsilbe und somit waren alle Tonsilben festgelegt.
In der absoluten Notation legt nun die Kombination aus Notenschlüssel und Tonartvorzeichnung fest, wo die Tonsilben liegen. Sie werden sehen, es hört sich kompliziert an, ist aber tatsächlich eher simpel. Man muss noch nicht mal solmisieren können, um diese Übersetzung zu schaffen.

Müssen Sie Noten lernen?

Um nach Noten singen zu können? Nein.

Ich werde diese Woche bestimmt immer wieder Tonnamen erwähnen und in Videos nennen. Das tue ich aber für die Instrumentalisten, die sich mit Noten auskennen. Sie werden sehen, dass Sie die Notennamen nicht brauchen, um sie singen zu können. Als Sänger müssen wir die Noten nur in Tonsilben übersetzen. Dazu brauchen wir die Notennamen nicht.
Wenn sie Tonnamen interessieren, finden Sie im Web (Wikipedia, YouTube), genügend Hilfen.

Der Notenschlüssel

Es gibt mehrere Notenschlüssel. Für uns sind praktisch nur zwei wichtig: Der Violin- und der Bassschlüssel (fünf "s").

Notenschlüssel sind für uns nur dann von Interesse, wenn es keine Tonartvorzeichnung gibt. Eigentlich sagt uns nämlich die Tonartvorzeichnung, wo die Tonsilben liegen.  Es gibt 12 Tonarten mit etwa* 12 Tonartvorzeichnungen, bestehend aus Kreuzen und Bes.

  • Es gibt eine Regel für die sieben Kreuz-Tonarten und wir wissen, wo die Tonsilben liegen.
  • Es gibt eine Regel für die sieben Be-Tonarten und wir wissen, wo die Tonsilben liegen.

Gemerkt, das sind 14*.

Und eine Tonart hat gar keine Vorzeichen: C-Dur/a-Moll. 
Für Instrumentalisten die einfachste Tonart. Für uns wegen der fehlenden Vorzeichen tatsächlich ein Problem. Wegen dieser einen Tonart müssen wir uns extra zwei neue Regeln aneignen, da in diesem Fall der Notenschlüssel sagt, wo die Tonsilben sind. Violin- und Bassschlüssel, zwei Regeln.

Und das war's auch schon zum Notenschlüssel, wir kommen im Laufe der Woche auf ihn zurück.

Elf Tonarten, bei denen die Tonartvorzeichnung sagt, wo die Tonsilben liegen. Die Chancen stehen 11:12, dass wir sowas zu Gesicht bekommen und deshalb fangen wir damit an.


* Von den zwölf Tonarten des Quintenzirkels kann man manche sowohl mit Be, alsauch mit Kreuz notieren. Eine hat weder das eine noch das andere.
Sieben Be-, sieben Kreuz-, eine ohne ... macht insgeamt 15 mögliche Tonartvorzeichnungen. Als Hilfe gibt es gottseidank den Quintenzirkel.

Die Tonartvorzeichnung

Die Tonartvorzeichnung steht am Beginn jeder Notenzeile und gilt, bis eine neue kommt. Meist kommt gar keine neue. Links sehen Sie vier Beispiele, jede Zeile eine neue Tonart.

Die Tonartvorzeichnung besteht aus Kreuzen oder Bes (alle siehe Quintenzirkel). Jedes Zeichen liegt wie ein Notenkopf entweder auf einer Linie oder zwischen zwei Linien und sagt uns: "Dieser Ton muss verändert werden. Und wenn ich dieser Ton sage, dann meine ich auch alle seine Brüder, die Oktavtöne."

Beispiel Des, das Be bedeutet: Spiele alle D's einen Halbton tiefer. Des.

Beispiel Fis, das Kreuz bedeutet: Spiele alle F's einen Halbton höher. Fis.

Falls man während des Stückes dann doch mal ein D oder F bräuchte, gibt es das "Auflösungszeichen". Es hebt die Wirkung der Tonartvorzeichnung in diesem Takt auf.
Mist, direkt danach brauche ich wieder ein Fis: Dann kommt eben wieder ein Kreuz direkt vor die betroffene Note F und gilt bis zum Rest des Taktes. Man nennt das: Vorzeichen oder Versetzungszeichen. Im nächsten Takt gilt wieder die globale Tonartvorzeichnung.
In einem Takt F Fis F Fis F Fis ... Sie merken, das kann unübsichtlich werden.
Und das bei Stücken, die sowieso schon fünf Vorzeichen haben. Sie ahnen vielleicht, das Vorzeichen bei Musikern und vor allem Musikschülern Angstschweiß auslösen können.

Wir merken uns: Trotz Tonartvorzeichnung können im Notentext Versetzungzeichen auftauchen. Für die Solmisation bedeutet das praktisch immer: Alteration!
Zusätzliche Vorzeichen im Notentext können gar nicht, selten bis häufig auftreten. Das hängt ganz vom Musikstil ab.
Mein tägliches Brot sind Kinderlieder in Dur. Da gibt es praktisch keine Alterationen und deshalb bin ich nicht geübt in Alterationen;-)
In meine Chorrepertoire - Rock, Pop, Gospel - gibt es ständig Alterationen. Einmal die Woche und deshalb bin ich ... nicht ...

Erste Regel: Das letzte Kreuz ist ti

Die Regel kannte ich bereits, gelesen habe ich sie aber erstmals in "do, re, mi ...", ich weiß nicht, ob die Regel vom Autor Axel Schullz stammt. Einfacher kann man es nicht ausdrücken, denke ich.

Es folgen zwei Beispiele ...

Es gibt nur ein Kreuz, es ist damit das letzte. Ti. Folgt man der obersten Linie, trifft man das ti. Darüber liegt das ... do. Jetzt rüchwärtslesen do ti la so ... die erste Note ist das do.
Da es keinerlei zusätzlichen Vorzeichen gibt, brauchen wir keine Tonsilben verändern. Es handelt sich um eine ganz normale Durtonleiter: do re mi fa so la ti do.

Was sagen die Noten dem Instrumentalisten?
Der Violinschlüssel sagt: Auf der zweiten Linie liegt der Ton G. Damit ist festgelegt, dass auf der obersten Linie das F liegt. Das Kreuz sagt: Erhöhe das F zu Fis. Immer und alle F's.
Damit weiß der Instrumentalist, er muss folgendes spielen: G A B* C D E Fis G. Die G-Dur-Tonleiter.


* Im Deutschen: H

Zweites Beispiel - kniffliger

Das letzte Kreuz liegt im dritten Zwischenraum. Ti. Es gibt dort allerdings keine Note. Das macht nichts. Obendrüber ist das do und das ist unsere erste Note.

Das do ist gefunden, der erste Takt lautet also: do so mi do. Dur-Dreiklang do mi so hatten wir oft in den letzten Wochen.
Der zweite Takt ist interessanter, hier gibt es ein Auflösungszeichen und ein Kreuz. Es werden Tonsilben "alteriert". Es kommen also Töne zum Einsatz, die normalerweise zwischen den uns bekannten Tonsilben liegen und keine eigenen Namen tragen.

Zuerst ein Auflösungszeichen, warum ein Auflösungszeichen?
Die Tonartvorzeichnung betrifft mi und ti. Besser gesagt: Die Tonartvorzeichnung macht diese beiden Töne überhaupt erst zu mi und ti. Das ist die Anpassung, welche die Instrumentalisten brauchen damit bei diesem "do" die "D-Dur"-Tonleiter erklingt.
Im zweiten Takt wird also das mi aufgelöst. Kreuz ist eine Erhöhung, Auflösung also eine Erniedrigung. Aus dem mi wird ein mu.
"u" ist die Endsilbe für Erniedrigung ("i" für Erhöhung).
Direkt danach kommt das Kreuz und stellt den ursprünglichen Zustand wieder her. In diesem Falle wird mu wieder zu mi. Zweiter Takt: re mu mi do

Was sagen die Noten dem Instrumentaliten?
Der Violinschlüssel sagt: Auf der zweiten Linie liegt der Ton G. Die beiden Vorzeichen sagen dem fortgeschrittenen Instrumentalisten: D-Dur oder h-Moll.
Das müssen wir nicht wissen, wir gucken in den Quintenzirkel und finden bei zwei Kreuzen die gleiche Angabe.
Zweite Linie G bedeutet vierte Linie D (do #1), unter der ersten Linie auch D (do #2). Die Kreuze sagen: Erhöhe alle F zu Fis und alle C zu Cis.
Damit weiß der Instrumentalist, er muss folgendes spielen: | D A Fis D | E F Fis D |

Sie ahnen vielleicht schon den Vorteil relativer Notation, relativen Musizierens.
Der Dur Dreiklang der Tonika heißt für uns in der Solmisation immer: do mi so
Beim Instrumentalisten heißt die Dur-Tonika in allen zwölf Tonarten anders ...
... um Gottes Willen nicht merken. Sie verstehen so aber, warum es Jahre dauert, ein Instrument und dessen Notation zu erlernen.
Und warum viele Vorzeichen das Musizieren erschweren.
Sechs Vorzeichen bedeutet ja nichts anderes als:
Hier stehen sieben Noten, sechs davon musst Du aber ändern. Man sieht es ab fünf Vorzeichen. Es wimmelt von "is" und "es".

VorzeichenTonart Dur
= Dur-Tonika
Moll s. Quintenzirkel
Akkordtöne
Dur Tonika do mi so
Alternative
#/b Notation
KeineCC E G 
1#GG B D 
2#DD Fis A 
3#AA Cis E 
4#EE Gis B 
5# / 7bB/CesB Dis FisCes Es Ges
6b / #6Fis/GesFis Ais CisGes Bes Des
5b / 7#Des/CisDes F AsCis Eis Gis
4bAsAs C Es 
3bEsEs G BEs 
2bBbBes D F 
1bFF A C 

Merken Sie, wie abstrus Instrumentalnotation ist?
C-Dur. Keine Vorzeichen, leicht zu lesen.
B-Dur. Fünf Kreuze. Fünf von sieben Tönen müssen geändert werden. Schwer zu lesen und zu spielen.
Und B liegt nur einen Halbtonschritt unter C. Auf der Gitarre: Ein Bund tiefer.
Leicht und schwer liegt nur einen Halbtonschritt auseinander.
Warum?
Weil die sehr einfache relative Notenschrift auf absolut geändert wurde.
Im Artikel über Guido v. Arezzo ist es bereits zu lesen: Etwas Besseres hat man bis heute nicht entwickeln können.
Man hat es versucht, aber nichts gefunden.
 

Kurios

Zum Schluss wird es kurios. Sie sehen eine Dur-Tonleiter. do re mi fa ... kennen wir bereits.

Diesmal aber in absoluter Notation. Oben E-Dur (4 Kreuze) unten Es-Dur (3 Bes)*.
Auf dem Musikinstrument liegt Es einen Halbtonschritt unter E.
Für uns in der Solmisation sehen beide gleich aus. do liegt auf der ersten Linie.
Absolut vs. Relativ.

Und daran liegt es:
In E-Dur bleibt der erste Ton E unverändert.
In Es-Dur sagt die Tonarvorzeichnung (b oberster Zwischenraum): Spiele alle E einen Halbton tiefer: Es.
Die erste Note sieht zwar in beiden Beispielen gleich aus, klingt aber tatsächlich unten einen Halbton tiefer.


* Die b-Regel kommt morgen, oder Sie schauen in den Basiskurs Noten & Solmisation

Mollkadenz mit Dur-Dominante

Kadenzen haben wir schon öfters gespielt. Was ist eigentlich eine Kadenz?
Auf Wikipedia gibt es eine längeren Artikel dazu. Hier auf meiner Website meint Kadenz immer das folgende:
Eine Akkordfolge, die mit der Tonika anfängt und nach mehreren Schritten auch endet.

In der Harmonielehre gibt es die sog. Klassische Kadenz. Sie ezeichnet sich dadurch aus, dass alle Hauptharmonien (T S und D*) enthalten sind und in einem idealen Spannungsbogen vorkommen. In der klassischen Kadenz sind wegen der drei Hauptakkorde auch alle sieben Töne der Tonleiter vorhanden. Die Tonalität ist damit eindeutig geklärt. Mit lediglich zwei Akkorden ginge das nicht.

  1. Takt: Tonika, spannungsloser Ausgangspunkt der Reise
  2. Takt: Subdominante, spannungslose Bewegung weg von der Tonika. Danach könnte D oder T oder sonstwas kommen.
  3. Takt: Dominante, spannungsreicher Akkord. Auflösung in die Tonika. Die Spannnung kommt vom Leitton (ti).
  4. Takt: Tonika als spannungsloser Endpunkt der harmonischen Bewegung.

Diese Kadenzen haben wir schon oft gespielt in Dur: T S D T und noch nicht so lange auch in Moll: t s d t.

In Moll gibt es leider ein Problem. "Die Spannung kommt vom Leitton (ti)."
Der Leitton liegt einen Halbtonschritt unter dem Grundton, ti-do. Passt.
In Moll so-la. Ein Ganztonschritt. Passt nicht.
Die Molldominante hat keinen Leitton und kann damit keine Spannung erzeugen. Sie verlangt nicht zwingend nach einer Auflösung. Der Zuhörer erwartet nicht, dass die Tonika t kommt.
Wenn man jetzt weiß dass der ständige Wechsel von Spannung und Entspannung quasi der Motor in der abendländischen Musikkkultur ist, ahnt man, dass hier ein großes Problem vorliegt. Bei der Mollkadenz t s d t ist quasi der Motor ausgefallen.

Lösung: Man erhöht das so um einen Halbtonschritt zum si und hat eine schlüssige Dominante, allerdings in Dur: t s D t
Aus harmonischen Gründen haben wir unsere erste Alteration durchgeführt. Erklärungen folgen die Woche.

Tatsächlich ist die Mollkadenz mit Durdominante häufiger als die diejenige mit Molldominante.Läuft halt besser;-)

Zum YouTube-Video "5.01 Mollkadenz mit Dur-Dominante"


Ich verwende die Abkürzungen:
T Tonika Dur, S Subdominante, D Dominante
Kleinbuchstaben = Moll. t s d

Notenbeispiel

In der oberen Zeile die Version aus dem Video in relativer Notenschrift. Die Alteration ist sofort erkennbar. Erstmals ein Vorzeichen vor einer Note.
Das Kreuz erhöht die Tonsilbe so zum si.

Darunter in absoluter Notenschrift. Auch hier ist die Alteration sofort zu erkennen. Neben der Tonartvorzeichnung am Anfang der Zeile taucht das zusätzliche Vorzeichen im dritten Takt auf.
Das untere Beispiel ist in e-Moll. Im Video spiele ich übrigens Gis-Moll. Wenn Sie e-Moll spielen mögen: la = 5. Saite, 7. Bund.
Kreuz-Regel. Rechnen Sie selbst nach: Oberste Linie = ti, daraus folgt unterste Linie = la

Der Instrumentalist darf nicht vergessen, im dritten Takt einen Ton zum fis zu erhöhen. Zum einen müssen Instrumentalisten die Tonartvorzeichnung im Kopf behalten, zum anderen auch noch auf zusätzliche Vorzeichen reagieren. Je mehr Vorzeichen, desto schwer;-)

Ich habe beide Beispiele übereinandergestellt, damit Sie erkennen, dass wir Notenschlüssel/Tonartvorzeichnung nur brauchen, um die Tonsilben zu bestimmen.

Aus unserer Molltonleiter la ti do re mi fa so la wurde durch die Alteration
die sog. "harmonische" Molltonleiter la ti do re mi fa si la.
Spielen, anhören ...

Stellt sich die Frage: Sollte man das Vorzeichen für die Alteration si nicht in die Tonartvorzeichnung übernehmen? Wenn die Dur-Dominante doch so häufig ist ...

Schauen Sie sich den letzten Takt an ... oben die Version aus dem Video.
Darunter die schönere Version. Schöner, weil der Leitton dis im vorletzten Takt in den Grundton la aufgelöst wird.
Spielen Sie beide Versionen und überlegen Sie, was flüssiger klingt.