Woche 6 - Tag 5

Kadenz 4 ...

Bei den Kadenzen gebe ich, soweit möglich, die Funktionen an. Für das Verständnis der Solmisation brauchen Sie diese nicht zu wissen.
Dies mache ich für alle, die sich in der Funktionstheorie aus kennen.
Für die Solmisation sind nur die Tonsilben wichtig. Sie zeigen immer an, welche Tonsilben zum aktuellen Akkord auf jeden Fall passen.
Der theoretische Hintergrund dazu ist zweitrangig, aber ich erkläre ihn für diejenigen, die sich etwas mit Musiktheorie und Harmonielehre auskennen.
Für die Solmisation ist wie immer nur wichtig, möglichst oft zu üben.

Zum YouTube-Video "6.05 Dur-Kadenz 4 mit do"

Zum YouTube-Video "6.05 Dur-Kadenz 4"

Zum YouTube-Video "6.05 Moll-Kadenz 4 mit la"

Zum YouTube-Video "6.05 Moll-Kadenz 4"

Kadenzen Singen ist wichtig!

Habe ich das schon erwähnt?

Sobald Sie ein bisschen mit den Übungen diese Woche warm geworden sind, können Sie gerne auch Kadenzen ohne Playback singen. Quasi als Übung zum Freien Solmisieren.
Das ist übrigens eine ganz phantastische Übung zum Freien Solmisieren.

Aber mit "Kadenzen Singen ist wichtig!" meine ich tatsächlich das Singen zum Playback. Wichtig deshalb, weil es darum geht, zu solmisieren, während von außen eine Musik gespielt wird.
Solmisation findet vorrangig im Kopf statt. Eine Musik von außen ist dabei eine gewisse Störung. Man muss sich also daran gewöhnen, zu einer laufenden Musik zu solmisieren. Da die Musik auch noch die Harmonien wechselt, erzeugt das einen Druck, etwas passendes zu singen. Deswegen ist es gut, am Anfang zu wissen, wie die Harmonien wechseln und durch die Übungen ein Gespür zu entwickeln, welche Töne passen und welche nicht.
Machen Sie das mal einen Monat lang und es wird Ihnen viel leichter fallen, auch zu einer unbekannten Melodie das "do" bzw. "la" zu finden.

Wie geht das?

  1. Sie summen zur Musik eine erfundene Melodie mit. Linie rauf, Linie runter. Möglichst sieben Schritte. Damit klären Sie die Tonalität.
  2. Jetzt nehmen Sie eine Tonsilbe raus und versuchen, über "Stufen erkennen" diese zu bestimmen.
  3. Alternativ summen Sie in Schritt 1 so lange, bis Sie einen bestimmten Baustein erkennen. mi-re-do, so-mi, la-ti-do.

Passende Töne - akkordeigene Töne

Welche Töne passen zu einer Harmonie? Am besten diejenigen, die in einem Akkord enthalten sind.

Hierbei muss man unterscheiden zwischen Tönen, die länger gehalten werden und solchen, die in einem Lauf nur kurz gestreift werden. Mit passen meine ich Töne, die den halben oder sogra ganzen Takt lang klingen können. Bei flotten Läufen gibt es praktisch keine falschen Töne mehr, wenn man in der Tonart bleibt.

Heutzutage gelten als akkordeigen Grundton, Terz, Quinte und Septime. Die noch fehlenden drei Töne der Tonleiter werden als Optionen bezeichnet. Sie ändern die Färbung, aber nicht mehr den Grundcharakter eines Akkordes. Dazu gibt es bei fast jedem Akkord eine "avoid note", einen zu vermeidenden Ton, weil dieser besonders dissonant, also falsch klingt. Das bedeutet, dass von den sieben Tönen einer Tonleiter vier zum Akkord gehören (1, 3, 5, 7) drei die Färbung ändern (9, 11, 13), von denen einer falsch klingen kann (z.B. 11).

1, 3 und 5 sind völlig unproblematisch. Ab der 7 beginnt der Jazz.

Ein Beispiel: Tonika Dur

Akkorde werden in Terzen geschichtet, also immer der übernächste Ton. Bei 13 sind alle Töne der Tonleiter enthalten. Das wäre ein Siebenklang, kann im Jazz vorkommen.

Stufe12345678910111213
Tonleiterdoremifasolatidoremifasola
Akkorddo mi so ti re fa la
 

Dreiklang z.B. C

  

Optionen

 

Vierklang Cmaj7

Optionen

 Im Jazz kommt es auch zu Fünf-, Sechs- und Siebenklängen. Auch dort gilt alles ab None als Option.

Nomalerweise haben wir es in der Musik mit Drei- und Vieklängen zu tun. Die gängigen Kinder-, Weihnachts-, Volks- und Popliederbücher.
Die Optionen sind immer direkte Nachbarn der "akkordeigenen" Töne. Klanglich kann das eine interessante Färbung sein oder ein großes Problem. Denn für jede Stufe kann man diese Akkorde aufbauen. 
Beispiel re. In der Tonika wäre das die sog. None. In einem Kinderlied taucht die None nicht als Ton auf, der länger liegenbleibt. Im Blues hingegen sind Nonen nichts ungewöhnliches.

Versuchen Sie also auch die Optionen zu singen. Tonika und fa. Autsch. Das fa ist eine avoid note in der Tonika. re und la gehen.

Was tun, wenn Sie auf einem "falschen" Ton landen?
Sie ahnen es vielleicht schon, die Lösung ist ganz nah. Einfach einen Schritt rauf oder runter. In der Regel ist man dann sofort bei einem akkordeigenen Ton. Man nennt das "Dissonanz auflösen". Das legitimiert übrigens den "falschen" Ton als sog. Vorhalt. Vorhalt und Auflösung sind in der Melodie der Spannungs-Entspannungs-Faktor, vergleichbar Dominante-Tonika bei den Harmonien.
In der Musik sagt man: Es gibt keine falschen Töne, nur falsche Auflösungen.
Im Jazz betrachtet man Akkorde und Skalen (Tonleitern) als zwei Seiten derselben Medaille. Da Jazzer sehr viel Optionen verwenden macht das auch Sinn.
Bei der Subdominante in Dur denkt ein Jazzer also nicht nur an die Akkkordtöne fa la do, so wie wir das hier tun. Sondern er denkt gleich an eine ganze Tonleiter, die in Dur auf der vierten Stufe startet (fa so la ti do re mi fa). Das ist eine Kirchentonleiter: Lydisch. Für Jazzer sind die Kirchentonleitern aus Guidos Zeiten gasnz alltäglich. Da schließt sich ein Kreis.
Wir, als normaler Musikkonsument sind dur/moll-tonal orientiert, im Jazz wird tatsächlich jede Stufe/Tonsilbe als Grundton einer Tonleiter verwendet.
Dominante in Dur bedeutet für uns so ti re, der Jazzer denkt bei Dominante an die mixolydische Tonleiter (so la ti do re mi fa so).

Bei einem Falschen Ton also nicht abbrechen, sondern zum nächsten darüber/darunter weitersingen und alles wird gut;-)

Probieren Sie über die Tonika also folgendes:

  1. "fa" den ganzen Takt lang
  2. fa-mi, halbe halbe

Bei eins ist fa ganz klar ein falscher Ton. Bei zwei als Vorhalt legitimiert.

Ausprobieren können Sie das mit der Tonika am besten mit YouTube-Video "6.01 Dur-Tonika mit do" oder  YouTube-Video "6.01 Dur-Tonika" (ohne do)