Lektion 6: Lokrisch

Lokrisch findet in der Praxis kaum Anwendung und ich erwähne es hier nur der Vollständigkeit halber. 
Auch zu Guido von Arezzos Zeiten wurde lokrisch nicht verwendet.

Wegen der kleinen Terz zum Grundton vergleichen wir es mit aeolisch, dem Natürlichen Moll. In lokrisch gibt es dann nicht eine Alteration, sondern zwei:

Die zweite Stufe ti wird zu tu erniedrigt. Das hatten wir schonmal im phrygischen.

Die fünfte Stufe mi wird zu mu erniedrigt. Das ist neu, die fünfte Stufe war bisher noch nie betroffen. Die fünfte Stufe ist aber neben dem Grundton ein sehr wichtiger Ton. Statt einer Reinen Quinte liegt jetzt zwischen Grundton und fünfter Stufe eine verminderte Quinte, der sog. Tritonus (drei Ganztonschritte). Das Intervall ist stark dissonant und findet sich normalerweise im Dominantseptakkort, wo der Tritonus zur Spannung beiträgt, welche sich in die Tonika auflösen will.
Zu Guido von Arezzos Zeiten war der Tritonus noch als "diabolo in musica" verpönt, weshalb lokrisch in der Praxis nicht verwendet wurde.

Und wie immer bei den Kirchentonarten gilt: Die Alterationen sind jedes Mal vorhanden.

Exkurs Tritonus:
Der Tritonus, das stark dissonante Intervall bestehend aus drei Ganztonschritten, liegt genau zwischen der Reinen Quarte und der Reinen Quinte, der vierten und fünften Stufe der Tonleiter.
Somit lässt sich der Tritonus auf zwei verschiedenen Wegen erreichen.

  • Die vierte Stufe wird um einen Halbtonschritt erhöht.
    Dur: fa wird zu fi. Das passiert bei der lydischen Quarte.
    Moll: re wird zu ri.
     
  • Die fünfte Stufe wird um einen Halbtonschritt erniedrigt.
    Dur: so wird zu su.
    Moll: mi wird zu mu: Das passiert in lokrisch

Unabhängig davon gibt es den Tritonus als Intervall zwischen den Tonsilben fa-ti und ti-fa.
Drei Ganztonschritte, das entspricht sechs Halbtonschritten. Damit teilt der Tritonus die Oktave mit zwölf Halbtonschritten genau in zwei Hälften. Der Tritonus ti-fa sorgt in Dur (ionisch) für die Spannung in der Dominante.
Die Spannung kommt daher, dass die Dissonanz (Missklang) des Tritonus in der Dominante sich in eine Konsonanz  (Wohlklang) auflösen will. Dies geschieht in der Tonika. Aus der Dissonanz ti-fa wird die Konsonanz do-mi.
Dieser Spannungs-Entspannungsmotor von Dominante und Tonika ist schlichtweg der Antrieb in unserer abendländischen Musikkultur. Sie ist geprägt vom Wechsel zwischen Spannung und Entspannung.

Notenbeispiel: Bruder Jakob in lokrisch

Das Notenbeispiel ist wieder ein bekanntes Volkslied, mit dem Sie ihre Sicherheit mit den Tonsilben testen können: "Bruder Jakob". Im Original wird jeder Takt wiederholt.

Das Original würde mit do starten, das Ding-Dang-Dong am Ende wird dann zum do-so-do, dem Wechsel zwischen Grundton und Quinte. Wer jemals in einem Chor Bass gesungen hat, kennt das zu Genüge.

In der Tonart lokrisch wird das Ding-Dang-Dong knifflig, da die Quinte erniedrigt ist. ti-fa-ti oder la-mu-la, je nach Notation. Auch in den ersten Takten tauchen bereits tu und mu auf.

Zum Schluss dieses Kurses also eine rechte Herausforderung. Ich persönlich bevorzuge die traditionelle Notation, fühle dabei aber immer do als Grundton. ti-fa-ti kriege ich gut hin, la-mu-la weniger, da ich nicht alle Alterationen wirklich sicher beherrsche.

Sie brauchen hier keinen besonderen Ehrgeiz an den Tag zu legen, lokrisch wird Ihnen kaum irgendwo begegnen. Es ist eher ein Kuriosum.

 

Das Notenbeispiel ist nicht nur knifflig zu singen, sondern auch zu lesen. Die beiden Alterationen werden auf unterschiedliche Art erzeugt. tu durch Auflösung der Tonartvorzeichnung, mu durch ein Versetzungszeichen.